Klaus_Eckardt
Marathon-Mord
(Leseprobe)

Berlin, 28. September 2008

Max von Steyn mochte es nicht besonders, wenn ihm wildfremde Menschen körperlich zu nahe kamen. Doch hier ging es nicht anders. Um ihn herum standen fast 40 000 Männer und Frauen. Den Quadratmeter Berliner Bodens, auf dem er gerade stand, teilte er sich mit vier bis fünf anderen. Die einen hüpften auf der Stelle, andere streckten sich in die Länge, um ihre Gelenke ein wenig in Bewegung zu halten. 

Wäre Max nicht gut einsneunzig groß gewesen, hätte ihn der Ellenbogen seines Nebenmanns wahrscheinlich mitten ins Auge getroffen. So prallte er nur gegen seine Schulter, was für den anderen sicher schmerzhafter war als für ihn selbst.

Von oben muss das richtig lächerlich aussehen, dachte Max, als er einen Hubschrauber über der Menge kreisen sah und auf den gelben Plastiksack blickte, den er sich zum Schutz vor der klammen Kühle des Berliner Frühherbstes übergezogen hatte. Noch glänzte der Himmel in kaltem Blau, und Max hoffte, dass die Sonne heute nicht zu viel Kraft bekommen würde. Denn ihm würde auch so warm genug werden.

Die vielen tausend Menschen, mit denen er auf der Straße des 17. Juni stand, hatten alle das gleiche Ziel. Das lag zwar gerade mal 300 Meter von seinem aktuellen Standort entfernt, doch die Strecke, die sie alle laufen mussten, um es zu erreichen, maß 42,195 Kilometer – die klassische Marathon-Distanz.
Ganz vorne stand ein drahtiger Schwarzer, noch in eine warme Decke gehüllt. Der hatte sich vorgenommen, in weniger als zwei Stunden und vier Minuten quer durch Berlin zu laufen und mit einem neuen Weltrekord erst durchs Brandenburger Tor und dann über die Ziellinie zu fliegen. Das ergäbe einen Schnitt von mehr als zwanzig Stundenkilometern – zu Fuß!

8.40 Uhr. Noch zwanzig Minuten bis zum Start. Dieses Gedränge war wirklich kaum auszuhalten.
Wenigstens kannte Max die meisten der Menschen, die ganz dicht neben ihm standen. Sie alle waren am Vortag gemeinsam aus ihrer oberschwäbischen Heimat angereist, um in der Hauptstadt den ersten Marathon ihres Lebens zu laufen.
Nur einer aus dem Trupp war Max ziemlich fremd. Und der stand direkt neben ihm: Walter Wilhelm Wachter, der in genau einer Woche Bürgermeister seiner Heimatstadt werden wollte.

Als Wachter erstmals beim wöchentlichen Lauftreff im heimischen Zirbelwald aufgetaucht war, zu dem Max seit vielen Jahren gehörte, hatten alle zunächst an einen einmaligen Wahlkampf-Gag gedacht. Doch Wachter hatte mit viel Disziplin an seiner Kondition gearbeitet und war immer wieder in eine schnellere Gruppe gewechselt – was ihm Kontakt zu noch mehr Wählern verschaffte. Als er dann den ersten Halbmarathon seines Lebens in weniger als zwei Stunden lief, gehörte er fest zur Läuferclique.
Je näher es auf die Startzeit zuging, desto stärker wurde der Druck der anderen Läufer. An wärmende Sprünge nach oben war jetzt nicht mehr zu denken. Noch fünf Minuten, dann wollte Max versuchen, seinen Tüten-Poncho loszuwerden.
9 Uhr. Nur ganz leise drang der Knall der Startpistolen zu Max. Tausende von Beinen regten sich, ohne auch nur einen Meter voranzukommen. „Wie bei einem Stau auf der Autobahn“, dachte er. „Da ist die Unfallstelle schon lange geräumt, und du stehst immer noch dumm rum.“

Aber vielleicht hatte alles einen höheren Sinn, den er als Einzelner gar nicht verstehen musste. So wie in der Schwarmtheorie. Eine einzelne Ameise ist dumm, die Intelligenz erwächst aus der Masse.
Zu welchen Leistungen würde die geballte neuronale Kraft von 40 000 Läuferinnen und Läufern führen? Würde Berlin erbeben? Würde der Läuferbandwurm ganz neue Wege finden? Zu neuen Ufern aufbrechen?
Eher nicht. Sie alle würden an der blauen Linie kleben, die die exakte Strecke durch die Stadt markierte, um ja keinen Meter zu viel zu laufen. Kostete schließlich alles Kraft.
Doch eins wusste Max von den paar Halbmarathons, die er bisher gelaufen war: Die Gruppe gab Kraft und ließ Gedanken ans Aufhören gar nicht aufkommen. Was bei ein paar Hundert funktionierte, musste doch bei dieser Masse wie von allein klappen. Schwarmkondition statt Schwarmintelligenz.

Er schüttelte den Kopf. Auf was für Gedanken man so kam, wenn die Muskeln schon fürs Loslaufen programmiert waren, in Wirklichkeit aber Stillstand herrschte und das Hirn irgendeinen Ausgleich finden musste. Vielleicht erklärte das auch die nervösen verbalen Zuckungen vieler Politiker im Wahlkampf, dachte er und sah Walter Wilhelm Wachter an, auf dessen Laufshirt die drei Buchstaben WWW prangten.
Max war sich sicher, dass der Bürgermeisterkandidat einen Pressefotografen im Ziel positioniert hatte, der seinen jubelnden Einlauf für den Wahlkampf-Endspurt festhalten sollte.

Dass WWW ganz andere Schlagzeilen machen sollte, daran dachte in diesem Moment allerdings nur einer.

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